Rad an Rad – Artikel in lunapark21.net

publiziert von Luca Hubschmied am

Rad an Rad, Sattel an Sattel, kreuz und quer verteilt standen wir nun da. Die Sonne schien auf den Bundesplatz in Bern, der von Menschen mit ihren Fahrrädern, Inline-Skates oder sonstigen Fahrzeugen  bevölkert war. Die Medien sollten später von ungefähr tausend Teilnehmenden schreiben. Die Stimmung war energiegeladen und positiv, wir waren erfreut, dass so viele Menschen ihren Unmut auf die Strasse tragen wollten. An vielen Fahrrädern flatterten die roten Fahnen, die in den letzten Wochen zum sichtbaren Zeichen des Protestes wurden. „Formel-E ade“ stand darauf. An diesem Donnerstagabend wollten wir mit einer Fahrrad-Demo den Widerstand gegen das bevorstehende Rennen der Formel-E in Bern laut werden lassen.

Die Formel-E ist eine neuere Rennserie der FIA, des internationalen Autoverbandes, der auch die Formel 1 organisiert. Der nicht ganz so lustige Witz an der Formel E: Die Boliden rasen neu mit Elektrostrom um die Wette. Dadurch lässt sich diese modernere Art des Motorsports prima als nachhaltig und ökologisch bewerben. Dass dies in der Praxis nicht haltbar ist, dazu genügt bereits ein Blick in den Rennkalender der Formel-E. Vor dem Rennen in Bern gastierte der Zirkus in Berlin, als Nächstes geht es nun nach New York. Die Rennautos selbst werden um den Globus geflogen und in jeder Stadt wird eine neue Rennstrecke aufgebaut. Denn das ist der zweite schlechte Witz an diesen Anlässen: Die Elektromobilität soll zu den Menschen kommen, also in die Städte hinein. In Bern bedeutet das, dass der Rundkurs quer durch ein Wohnquartier führte, das sich als Austragungsort anbot, weil die Fernsehbilder von dort ein touristisch attraktives Bild vermitteln sollten.

Vom Bundesplatz aus machte sich der zweirädrige Demonstrationszug auf den Weg durch die untere Altstadt, über Pflastersteine an Sandsteinlauben vorbei. Die Route führte durch Nebengassen, war doch die Hauptgasse zwei Tage vor dem Rennen bereits zugestellt mir Plattformen und Ständen, an denen die Sponsoren des Formel-E Rennens ihre neuen Produkte und Innovationen dem Publikum näherbringen wollten. Wenige Tage zuvor war die Demonstration durch die lokale Gewerbepolizei bewilligt worden, wir wurden daher von einigen Polizist*innen auf Fahrrädern begleitet. Zudem hatten wir die Zusage erhalten, dass wir wie geplant über die Rennstrecke fahren durften, die zu diesem Zeitpunkt schon komplett eingezäunt war. Unter diesem Motto fand die Critical Mass Fahrrad-Demo denn auch statt: Wir holen uns die Rennstrecke zurück! Am Ende der Altstadt bogen wir auf den Kurs ein und fuhren unter Gesängen und begleitet vom Läuten hunderter Fahrradklingeln den ersten Anstieg hoch, links und rechts von uns Betonelemente und hohe Gitterwände. Ein Gefühl der Absurdität und der Wut machte sich breit beim Anblick dieser vormals öffentlichen Strasse, die nun durch einen privaten Veranstalter in einen Käfig verwandelt wurde. Nachdem wir den Anstieg hinter uns gebracht hatten, wurden wir oben von Anwohnenden empfangen, die am Strassenrand standen, winkten und applaudierten.

Das Quartier, in dem sie wohnen, war während mehrerer Tage abgeriegelt. Die Strassen wurden gesperrt, der öffentliche Verkehr fiel aus. Um zu ihren Wohnungen zu gelangen, mussten sie einen Anwohner*innen-Pass abholen, der an umfangreiche Bestimmungen geknüpft war. Kleingedruckt und auf Englisch stand auf dem Pass, dass die Anwohnenden im Falle eines Unfalls oder Schadens, den sie erleiden könnten, auf alle Rechte und Rechts-Ansprüche irgendwelcher Art gegenüber Formula E verzichten. Dass Anwohnende ihre legitimen Rechte gegenüber einem kommerziellen Rennveranstalter abtreten ist nicht nur äusserst problematisch sondern auch rechtlich kaum haltbar.

Im letzten Herbst entschied der fünfköpfige Gemeinderat (die Berner Stadtregierung), dass die Formel-E in Bern Halt machen darf. Ein Jahr zuvor fand die Rennserie bereits in Zürich statt. Begleitet wurde die Austragung dort von grossem Unmut der Bevölkerung. Die Naivität des Berner Gemeinderats schien allerdings gross genug, um sich auf diesen Zirkus einzulassen. Vollmundig wurde betont, wie der Anlass die Elektromobilität als nachhaltige Form der Fortbewegung vorwärtsbringe und wie gross der Werbeeffekt für die Stadt Bern als Tourismusdestination sei. Bern, das sich als Fahrrad-Hauptstadt und Stadt der Partizipation sehen will, kippte damit gleich beide Ansprüche. Denn eine demokratische Legitimation des Rennens fand nie statt, die Bevölkerung durfte zu keinem Zeitpunkt über die Durchführung mitentscheiden und Einsprachen waren aufgrund des Fehlens einer öffentlich publizierten Bewilligung nicht möglich.

Im Februar dieses Jahres gründete sich das Komitee „Formel-E ade“, das den Widerstand gegen das geplante Rennen organisieren und sichtbar machen wollte. Das Rennen noch zu verhindern schien nicht sehr aussichtsreich, wir setzten uns daher zum Ziel, dass die erste Ausgabe der Formel-E auch die letzte sein würde. Dem Komitee schlossen sich Einzelpersonen und praktisch alle linken Parteien Berns an. Dieser Umstand erhielt eine gewisse Schlagkraft dadurch, dass der Gemeinderat selbst rot-grün dominiert ist und sich daher vorwerfen lassen musste, gegen die eigene Basis zu politisieren. Um unsere Argumente öffentlich bekannt zu machen, veröffentlichten wir eine Website (formel-e-ade.ch), druckten Flyer, Plakate und Kleber, sowie die roten Fahnen, die bei uns bestellt werden konnten. Im Rennsport bedeutet die rote Flagge: Rennabbruch. Und so lautete denn auch unsere Forderung: Der Formel-E den Stecker ziehen!

„Formel-E – Scheiss-Idee!“ skandierte die bereifte Menge der Fahrrad-Demo auf dem Weg über die Rennstrecke, unter den Teilnehmenden waren Kinder, jüngere und ältere Menschen, die ihren Unmut mit Transparenten oder Trillerpfeifen kundtaten. Bei einigen fand die Wut gegenüber dieser machtvollen Infrastruktur, die uns unterwegs einzwängte, ihren Ausdruck darin, dass sie Werbebanner entlang der Strecke herunterrissen. Das war nicht in unserem Sinne, doch können wir gut verstehen, wie sich Ärger und Machtlosigkeit auf diese Art ihren Weg bahnen. Ab der Hälfte unserer Strecke wurde dann auch die Polizeipräsenz deutlich sichtbarer. In Vollmontur standen die repressiven Kräfte neben den Absperrungen und markierten Präsenz. Die Demonstration blieb aber friedlich bis zum Ende in der Berner Altstadt, wo wir uns auflösten.

Die Kritik an dem Rennen beschränkte sich aber keineswegs nur auf das undemokratische Vorgehen der Stadtregierung oder die Privatisierung des öffentlichen Raumes. In der Woche vor dem Rennen stellte Winfried Wolf an einer Veranstaltung in Bern sein Buch „Mit dem Elektroauto in die Sackgasse vor“. Darin beschreibt er, wie die Elektromobilität keinen Ausweg aus der Klimakrise bietet, sondern bestehende Problematiken verschärft, zur Freude der Autolobby, die sich damit einen grünen Anstrich verpassen kann. Wir hoffen, dass es durch die Protestaktionen gegen das Formel-E Rennen gelungen ist, die Förderung der Elektromobilität grundsätzlich zur Diskussion zu stellen.

Am Samstag, 22. Juni war es dann soweit und die strombetriebenen Rennwagen rasten 45 Minuten lang über Quartierstrassen. Irgendein Fahrer gewann, doch die Verlierer des Rennens waren wohl in der Überzahl. In den Tagen zuvor hatte sich die Stimmung gegenüber dem Anlass deutlich verschlechtert, die Organisator*innen und der Gemeinderat beschuldigten sich gegenseitig in der Öffentlichkeit, die Stadtregierung räumte gar im Vorfeld ein, dass Fehler passiert seien. Die städtischen Verkehrsbetriebe beschwerten sich über unklare Absprachen mir den Veranstaltenden, kurzum: Die Stimmung war angespannt. Wer all diese Diskussionen mitverfolgt hat, dürfte zum ähnlichen Schluss kommen wie wir: Die Formel-E wird in naher Zukunft wohl kaum nach Bern zurückkehren. Der öffentliche Protest und die vielen Stimmen, die sich dagegen erhoben haben, dürften das Ihre dazu beigetragen haben.

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Lunapark21 schaltete vor kurzer Zeit ein ganzes Themenheft zur “Sackgasse E-Auto”: https://www.lunapark21.net/heft-45-sackgasse-e-auto/